Dass es im Tunnel der Standseilbahn brennen könnte, sei "undenkbar", sagte der zuständige Mann in der Wiener Seilbahnbehörde. Für den Fremdenverkehrsdirektor von Kaprun war es sogar "paradox", dass da je Feuer ausbrechen könnte. Beide Herren trafen ihr Urteil am Tag, an dem es geschehen war. Am Morgen des 11. November 2000, kurz nach 9 Uhr, starben 155 Menschen im Tunnel, darunter 37 Deutsche. Die meisten waren Skifahrer, die auf dem Gletscher des Kitzsteinhorns die Wintersaison eröffnen wollten. Die Trauer eint österreichische, deutsche, amerikanische, japanische, slowenische, tschechische, britische und niederländische Familien. Seit jenem Tag kämpfen die Angehörigen der Opfer um Gerechtigkeit und darum, Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. Wer ist für die Tragödie verantwortlich? Und vor allem: Hätte sie verhindert werden können?
Der Wiener Anwalt Johannes Stieldorf, der bei dem Brand seinen 18-jährigen Sohn Matthäus verloren hat, spricht noch heute von "einer grenzenlosen Enttäuschung über unser Rechtssystem". "Das Menschliche fehlte", sagt Ursula Geiger, die ihren 14-jährigen Sebastian verlor. Opferanwalt Gerhard Podovsovnik ist sauer auf die Justiz, die bis heute keinen Verantwortlichen für das Desaster ausfindig gemacht hat.
Zwei Minuten nach der Einfahrt in den Tunnel unter dem Gletscher blieb die Bahn plötzlich stehen. Nur wer hinten stand, konnte ahnen, warum: Im hinteren Führerstand, der nur während der Talfahrt besetzt war, brannte es. Die Türen blieben zu, öffnen ließen sie sich von innen nicht. Feuerlöscher gab es keine, auch keine Nothämmer, um die Scheiben einzuschlagen. Mut und Kraft gehörten dazu, sich jetzt gewaltsam zu befreien. Hermann Geier (63) aus Vilseck in Bayern nahm seinen Skistock, zerschlug die Plexiglasscheibe und rannte die schmale Treppe entlang der Trasse nach unten, dem Tunnelausgang zu. Er und elf weitere, davon neun Deutsche, überlebten. Als die Türen sich endlich öffneten, waren die anderen Fahrgäste nach oben geflüchtet, weg vom Feuer im Heck. Nach spätestens 200 Metern holten erst die Rauchgase und dann das Feuer sie ein. Dem Tod konnten sie nicht mehr entrinnen.
Verschlampen. vergessen, vertuschen
Nach langen Untersuchungen wurden 16 Männer angeklagt: Mitarbeiter der Gletscherbahnen, der Aufsichtsbehörde und der Firmen, die die Bahn gebaut, gewartet Weiterlesen »